Die Epigenetik. Der Schlüssel zum Verständnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Veröffentlicht am 27. Februar 2026 um 15:18

Ist dein Hund in alltäglichen Situationen äusserst ängstlich, erschrickt bei jedem Geräusch oder seltsamen Gegenständen, reagiert er sogar unerklärlich aggressiv, ohne dass du verstehst, warum er das tun?

Du beobachtest sein Verhalten und spürst, wie du unsicher wirst und dich sorgst. Liegt es an der Rasse oder der Vorgeschichte deines Hundes, oder liegt es etwa an dir? Hast du einen fatalen Fehler in der Erziehung gemacht?

Was, wenn es weder an dir noch an den Erbinformationen (der Desoxyribonukleinsäure - nachfolgend DNA) selbst liegt, sondern vielmehr an den winzig kleinen und unsichtbaren Schaltern, die um und auf den Genen des Hundes liegen? Was, wenn diese kleinen Schalter, welche die Gene deines Hundes an- resp. ausschalten können, sein Verhalten und seinen Charakter beeinflussen? Genau das macht die Epigenetik!

Dieser Artikel verrät dir, warum die Zeit vor der Geburt sowie die ersten Lebenswochen deines Welpen nicht nur prägend, sondern lebensentscheidend darüber sind, wie Stress der Elterntiere generationsübergreifend Einfluss nimmt – und wie du als Halter:in sowie Züchter:in mehr bewirken kannst, als du denkst.

Epigenetik: Die unsichtbare Steuerung von Verhalten

Epigenetik (griechisch „epi“ = „dazu“) ist wie ein intelligentes Lichtsystem in deinem Hund: Die DNA mit den individuellen Basenabfolgen ist wie eine bunte Lichterkette – ob einzelne Glühbirnen (Basenteile) grell leuchten oder dunkel bleiben, bestimmen chemische „Schalter“ wie die Methylierung und Histon-Modifikationen. Diese Mechanismen reagieren auf Umweltreize und entscheiden, welche Basen der Genabfolgen aktiviert oder stummgeschaltet werden. Die DNA selbst, also die Erbinformation bleibt jedoch unverändert.  

Warum ist das für dich als Hundebesitzer:in und Züchter:in wichtig?

  • Die Umwelt prägt stärker als die Rasse: Neue Studien zeigen, dass die Umwelt das Verhalten eines Hundes stärker beeinflusst als die rassengenetische Veranlagung.
  • Traumata sind vererbbar – aber nicht unveränderlich: Stress oder Vernachlässigung hinterlassen epigenetische „Narben“, die die Stressanfälligkeit erhöhen – doch stabile Bindungen können helfen, Traumata zu verarbeiten.
  • Der Ursprung von Stoffwechselkrankheiten – Vorbeugung statt Tierarzt: Vorgeburtlicher Stress und Unterernährung des Muttertieres haben einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der ungeborenen Welpen und können zu Stoffwechselerkrankungen der Welpen führen.
  • Selbst der Vater zählt: Die letzten Wochen vor der Deckung prägen die Spermien des Rüden. Ungesunder Stress kann die Erbinformationen in der Ribonukleinsäure (RNA) im Sperma verändern – mit Folgen für die Gesundheit des Wurfes.

Die kritischen Phasen: Wann prägt die Umwelt am stärksten?

Stress der Mutterhündin während der Trächtigkeit aktiviert Gene für erhöhte Stressanfälligkeit bei den Welpen. Schon der niederländische Hungerwinter 1944/45 bewies: Unterernährte Schwangere brachten Kinder zur Welt, die später häufiger an Diabetes, Depressionen oder Herzkrankheiten erkrankten. Bei Hunden gilt dasselbe:

  • Mangelernährung der Mutterhündin kann zu Stoffwechselstörungen und Verhaltensauffälligkeiten führen.
  • Chronischer Stress (z. B. durch Isolation) der Mutterhündin kann zu ängstlichen, überreagierenden Welpen führen.
  • Neugeborenen- und Übergangsphase sowie die Soziale Phase und Pubertät: In dieser Phase ist ein junger Hund empfindlicher gegenüber Umweltreizen.
  • Soziale Kontakte mit der Mutterhündin, Geschwister und später dem Menschen aktivieren Gene, welche für die Ausschüttung von Oxytocin (das Bindungs- und Kuschelhormon) verantwortlich sind, stärken unter anderem die Resilienz des Hundes und fördern Vertrauen in sich und andere.
  • Eine bereicherte Umwelt (Spielsachen und Gegenstände, Geräusche, Gerüche, neue Orte, Meschen, uvm.) fördert die Verarbeitung und Speicherung von Reizen im Körper und Gehirn – je mehr der Welpe spielerisch kennenlernen kann, desto mehr wird das Erlebte zur Normalität.

Fehlen diese Prägungen, bleiben Unsicherheiten, Ängste oder gar Aggressionen programmiert.

Was du konkret tun kannst: Von der Theorie zur Praxis



Für Züchter und Züchterinnen

  • Stressfreier Deckakt: Keine Überbelegung, ruhige Umgebung, frühzeitige Anreise, ruhiger Umgang zwischen Menschen & Hunden.
  • Stressfreie Trächtigkeit: Es ist für ausreichend Rückzugsmöglichkeiten sowie Ruhe und Entspannung für die Hündin zu sorgen, und eine artgerechte Wurfkiste herzurichten.
  • Optimale Ernährung während der Trächtigkeit und danachTrächtige und säugende Hündinnen haben aufgrund ihrer Milchproduktion einen erhöhten Proteinbedarf, selbes gilt für die Welpen aufgrund deren Wachstum. Die Ernährung sollte entsprechend anpasst werden. Der Proteinbedarf steigt mit der Dauer der Trächtigkeit und nach der Geburt in Abhängigkeit der Wurfgrösse. Zuviel Futter während der ersten Wochen der Trächtigkeit kann zu Geburtskomplikationen und Milchproduktionsstörung führen.
  • Bereicherte Umwelt ab der 3. Lebenswoche der Welpen: Frühwelpenentwicklung nach Battaglia fördert die angeborenen Fähigkeiten der Welpen. Die Übungen der Frühförderung beinhalten verschiedene Elemente der Stimulation und werden regelmässig mit einer Dauer von wenigen Sekunden durchgeführt.

Ebenfalls hilfreich ist der Leitfaden „Rule of 7“ von Pat Schaap, welcher Hundebesitzer:innen eine Orientierungshilfe dafür bietet, wie Welpen in den ersten Lebenswochen durch Erfahrungen optimal auf das Leben vorbereitet werden.


Für Halter und Halterinnen

  • Bindung als Heilmittel: Regelmässige, positive Interaktionen (Spielen, Streicheln, gemeinsam entspannen) senken den Cortisolspiegel, fördern die Oxytocin Ausschüttung und wirken so wie ein Schutzschild gegen Stress.
  • Trauma-Umschreiben: Selbst bei erwachsenen Hunden können mittels Training, positiver Verstärkung, einer sicheren Bindung zum Menschen und viel Geduld epigenetische Muster langfristig verändert werden.
  • Epigenetisches Detox: Eine ausgewogene und artgerechte Ernährung kann ebenfalls Stress reduzieren. Zudem können Nahrungsergänzungsmittel wie Magnesium, B-Vitamine und Baldrian (innerliche Anwendung) sowie ätherische Öle wie Lavendel, Kamille, Bergamotte oder Baldrian (äusserliche Anwendung) kurzzeitigen Stress nachweislich lindern.

Die gute Nachricht: Es ist (fast) nie zu spät!

Verhaltensauffälligkeiten der Hunde fühlen sich für Hundehalter:innen oft wie ein festgeschriebenes Schicksal an – doch sie sind kein Gefängnis, sondern ein Anzeichen für Veränderung:

  • Positive Erfahrungen können alte „epigenetische Narben“ überlagern.
  • Langfristiges Training mit positiver Verstärkung sowie klare Regeln und souveränes Führen des Menschen geben Sicherheit. Hirnstrukturen können dadurch verändert werden – und damit auch die Genaktivität.

Epigenetik ist somit mehr als nur ein Begriff aus der Biologie: Sie erklärt, warum manche Zuchthunde trotz perfektem Stammbaum scheitern – und wie Tierschutzhunde mit traumatischer Vergangenheit zu glücklichen Begleitern werden können. Für dich als Halter:in oder Züchter:in heisst das:

Du gestaltest aktiv den epigenetischen Code deines Hundes - du erschaffst seine Umwelt, entscheidest, was er erlebt oder nicht erlebt, und beeinflusst, wie gut er lernt, mit sich selbst und seiner Umgebung umzugehen.

  • Achte auf eine ausgewogene und artgerechte Ernährung deines Hundes
  • Baue durch gezielten und moderaten Stress die Resilienz deines Hundes auf. Feiere deinen Hund als kleinen Helden. Schenke ihm aber auch genügend Ruhe- und Schlafphasen.
  • Führe authentisch und souverän, setzte Regeln durch wo nötig.
  • Schenke deinem Hund Nähe und sei als sicherer Hafen für ihn da, grenze dich aber auch ab und nimm dir deine „Me-Time“
  • Gestalte seine Umwelt abwechslungsreich. Organisiere geführte Sozialkontakte und laste deinen Hund mittels Nasen- und Denkspiele aus. Finde heraus, welche Hobbies dein Hund hat und fördere diese bewusst.

Quellen:

  • Morrill, K., Hekman, J., Li, X., McClure, J., Logan, B., Goodman, L., Gao, M., Dong, Y., Alonso, M., Carmichael, E., Keebler, J., Hytopoulos, E., Houston, R., Harman, J., Akey, J. M., Karlsson, E. K. 2022. Ancestry-inclusive dog genomics challenges popular breed stereotypes. Science. Vol. 376. No. 6592. eabk0639. doi: 10.1126/science.abk0639.
  • Sharman, Russell (2005): Hunger: An Unnatural History. New York: Basic Books. / Francis, Ricard C. (2011): Epigenetics: How Environment Shapes our Genes. New York: W. W. Norton & Company.
  • Spork, Peter (2020): Was ist Epigenetik? Die faszinierende neue Wissenschaft kurz und klar erklärt. Riffreporter. Verfügbar unter: https://www.riffreporter.de/de/wissen/was-ist-epigenetik.
  • Spork, P. 2025. Die Epigenetik des Hundes. KOSMOS
  • Lakedog Akademie für Mensch und Hund.
  • Wikipedia (2025): Epigenetik. Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Abgerufen am 17. September 2025, von https://de.wikipedia.org/wiki/Epigenetik


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Kommentare

Aline Buchser
Vor 7 Minuten

Danke für diesen lehrreichen Blogeintrag zur Epigenetik!
Du hast das Thema so verständlich und inspirierend erklärt. Wirklich bereichernd 🙏🏼🐶danke fürs Teilen!